Rauchenberger, Elisabeth
Höhen-Rausch erzählt von Patrick Mäder
Vor ihr lag eine Manager-Karriere. Doch Elisabeth Rauchenberger stieg aus. Jetzt kämpft sie um den Weltcupsieg im Gleitschirmsport.
Ein Lohn von 6500 Franken, ein Geschäftsauto, ein Handy auf Spesen, Reisen in die Grossstädte Europas: Elisabeth Rauchenberger hatte eine glänzende Berufskarriere in der Tourismusbranche vor sich, eine leistungs- und aufstiegsorientierte Erziehung hinter sich. «Meine Eltern wurden nicht müde zu betonen, dass die berufliche Karriere die wichtigste Voraussetzung für mein persönliches Glück sei.» Doch Elisabeth Rauchenberger hatte es satt, im Business-Röckchen zu den Messen zu stöckeln, um mit aufgesetztem Lächeln mit Geschäftspartnern zu verhandeln. Sie wollte lieber Jeans tragen, sie selber sein und runter von der Karriere-Rolltreppe, auf die sie durch die Erwartungshaltung der Familie geschubst worden war. Sie schmiss den Job als Salesmanagerin, verzichtete auf Sicherheiten, enttäuschte die strammen Eltern, die in Österreich ein Apartmenthaus und eine Praxis für chinesische Heilkunst führen, und hob mit 26 Jahren zu einem neuen Leben ab – einem Leben unter dem Gleitschirm, hoch über den Wipfeln der Erde.
Sonnengebräunt sitzt Rauchenberger nun im «Schuh», einem gemütlichen Café im Herzen von Interlaken. Sie trägt Jeans, trinkt einen Cappuccino und scheint mit jedem Wort und jeder Geste der Welt sagen zu wollen: «Ich bereue nichts!» Ihr Leben habe sich in den letzten Jahren stark verändert. «Es ist wundervoll, einen Beruf zu haben, den ich mit Leidenschaft ausüben kann.» Seit sie sich von einem Tag auf den anderen entschieden hat, semiprofessionell auf den Gleitschirmsport zu setzen, ist sie im Sommer vier Monate unterwegs, fährt von Wettkampf zu Wettkampf, fliegt um Rekorde, Medaillen und Anerkennung. Heute ist sie eines der Schweizer Aushängeschilder im Gleitschirmwettkampfsport. Mitte November fliegt Rauchenberger über der Insel La Réunion im Indischen Ozean im letzten Wettkampf der Saison um den Sieg im Gesamtweltcup mit. Ein Ziel, das sie unbedingt erreichen will, wie der Glanz in ihren braungrünen Augen verrät. Sie wirkt unerschrocken und abgeklärt, gleichzeitig verspielt und übermütig – halb Unschuld vom Land, halb Hightech-Profi. Eine Lara Croft der Lüfte.
Ein neues Leben? Moment mal. Vorwärts, aufwärts, höher, schneller, waghalsiger: Setzt die «Aussteigerin» nicht den Leistungszwang der Arbeitswelt fort – bloss mit anderen Mitteln? «Stimmt. An Wettkämpfen geht es in der Luft meistens nicht anders zu und her als in der Geschäftswelt.» Ellbogen raus und besser sein als die Konkurrenz. «Wir sind alle ehrgeizig, brauchen Siege und Auszeichnungen, um die Gunst der Sponsoren zu ergattern, die uns das Fliegen erst ermöglichen.» Klar, dass ihr beim Luftkampf um die Meriten die leistungsorientierte Erziehung der Eltern und die Erfahrung aus der Berufswelt zugute kommen.
Einen Unterschied gibt es freilich doch. Finanziell zahlt sich der sportliche Erfolg nicht aus. Im Winterhalbjahr arbeitet die 31-Jährige am Empfang im Chalet-Hotel «Oberland» in Interlaken. «Mein Chef war baff, als ich mich mit meiner Ausbildung als Touristikkauffrau um die Stelle am Empfang bewarb.» Sie braucht den Job, um die vier Sommermonate in der Luft zu finanzieren. Das jährliche Preisgeld und die Sponsorengelder sind verglichen mit Populär-Sportarten bescheiden. Ihr Einkommen aus dem Sport beträgt jährlich etwa 10'000 Franken. Weltweit gibt es einen einzigen Gleitschirmsportler, der seine Leidenschaft ohne Zusatzjob finanzieren kann: der Schweizer Alex Hofer, der neue Weltmeister. Er ist der beste Gleitschirmwettkämpfer aller Zeiten, der alle wichtigen Titel in dieser Sportart gewonnen hat.
Hofer ist der Lebenspartner von Elisabeth Rauchenberger. «Seine Erfolge sind grossartig. Sie freuen und motivieren mich», sagt sie. Aber manchmal komme auch Neid auf. Nach den Weltmeisterschaften im Juli zum Beispiel, als fast ununterbrochen das Telefon in der gemeinsamen Dreieinhalbzimmerwohnung in Interlaken ertönte, alle Alex gratulieren wollten.
Irgendwann lag es ihr, die immerhin WM-Fünfte wurde, auf der Zunge: Ich bin auch noch da! Ausgesprochen hat sie es nicht.
Die Schweiz, das Land der Berge und des Wohlstands, ist seit Jahren die erfolgreichste Gleitschirm-Nation der Welt. Dieses Jahr ist der Vorsprung in der Nationenwertung noch ein bisschen grösser ausgefallen. Auch ein Resultat der im internationalen Vergleich einmaligen Nachwuchsförderung. Ende August fand in Fiesch wie jedes Jahr eine Ausbildung für angehende Wettkampfflieger statt, bezahlt vom Schweizerischen Hängegleiterverband. Zwölf Männer und fünf Frauen verfeinerten ihr Wissen über Wetter, Taktik und den Gebrauch des Satellitennavigationssystems GPS, mit dessen Hilfe im Weltcup geflogen wird. Das Geschlechterverhältnis entspricht der Verteilung im Wettkampfsport – die Frauen sind in der Unterzahl. Im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten sind sie körperlich beim Fliegen nicht im Nachteil, der Unterschied zu den schnelleren Männern liegt im Kopf. «Männer sind mutiger, gehen schneller an die Grenze und darüber hinaus», glaubt Rauchenberger.
Wie im Büro: Männer bringen es weiter, nicht weil sie es besser können, sondern weil sie glauben, es besser zu können.
An den Schweizer Meisterschaften Anfang August hatte sie zwei von drei Teilbewerben gewonnen, musste im letzten nur noch anständig ins Ziel kommen, um den Titel einer Schweizer Meisterin heimzufliegen. Da packte sie der Ehrgeiz. «Ich wollte mit den Männern mithalten, forcierte das Tempo, im übermütigen Gefühl des sicheren Sieges, fünf Kilometer vor der virtuellen Ziellinie.» Da passierte es. Der Schirm klappte 1000 Meter über dem Boden zusammen. Die Leinen verfingen sich zum unentwirrbaren Chaos. Rauchenberger griff nach hinten und zog entschlossen am Griff des Notschirms – zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie hatte in diesem heiklen Moment keine Panik. Sie zog den Notschirm rechtzeitig und landete schliesslich sanft im Garten eines Einfamilienhauses.
Der erste Helfer, der sprintend an der Landestelle eintraf, war der Amerikaner Scotty Marion, selber Gleitschirmprofi. Zusammen freuten sich die beiden, dass die Notlandung glimpflich ausgegangen war, und sie zogen Vergleiche zum täglichen Leben. «Wenn es gut läuft, Euphorie sich breit macht, lässt der Absturz meistens nicht lange auf sich warten.»
Eine Woche später ist Marion, einer der besten Piloten der Welt, verschwunden – verschollen auf einem Langstreckenflug ab der Ebenalp im Appenzellerland. Die Suchaktion blieb bis heute erfolglos. Rauchenberger, die zusammen mit ihren Freunden tagelang mit Helikoptern fieberhaft gesucht hatte, wandte sich in der Not an eine Hellseherin. Ein Mittel, dessen sich auch die Rega ab und zu bedient. Die Frau schaffte es offenbar, Seelenkontakt aufzunehmen, Bilder zu empfangen. «Sie beschrieb Scottys Rucksack, der vor einer Gletscherspalte liege. Die Beschreibung war erstaunlich zutreffend», erzählt Rauchenberger. Die Hellseherin klärte weiter auf: Scotty habe gesundheitliche Probleme während des Fluges gehabt, sei notgelandet und später beim Abstieg in einer Gletscherspalte verschwunden. Er wolle nicht, dass er gefunden werde. Er sei in der Schweiz, dem Land, das er so liebe, begraben. In der Natur, in Freiheit – in seiner Freiheit.
«Das Unglück hat uns alle nachdenklich und traurig gemacht», sagt Rauchenberger. Trotzdem wehrt sie sich gegen das Vorurteil, ihr Sport sei gefährlicher als andere Extremsportarten. Die Suva zählt das Gleitschirmfliegen nicht mehr zu den Wagnissportarten, seit sich der technische Standard in den Achtzigerjahren rasant entwickelt hat. Der aussergewöhnliche Sommer hat mehr Menschen zum Fliegen motiviert als andere Jahre. Ob dabei auch mehr Unfälle passiert sind, ist ungewiss. Die statistische Übersicht fehlt, weil keine Meldepflicht besteht. Jeder kann fliegen, wann, wo und wie oft er will, ohne dabei statistisch erfasst zu werden – eine Freiheit, die zur Attraktivität dieser Sportart beiträgt. Der Schweizerische Hängegleiterverband zählte in diesem Jahr fünf Todesfälle, gleich viele wie 2001 und 2002. Die Zahlen wurden aus Medienberichten zusammengetragen.
Der Traum vom Fliegen lässt Elisabeth Rauchenberger nicht mehr los. Statt bei Neonlicht im muffigen Büro und in künstlichen Messelandschaften strebt sie jetzt unter freiem Himmel nach Höherem. Gleitschirmflieger bewegen sich mit natürlichen Aufwinden fort, hören einzig das zarte, manchmal heftige Rauschen des Windes, steigen in Thermikschläuchen auf Höhen bis zu 5000 Meter, den Vögeln gleich, bis die Konturen am Boden verschwimmen, die Luft dünner und dünner wird und ein Gefühl unendlicher Leichtigkeit den Körper durchströmt.
Also doch ein anderes Leben? Am 13. August überflog Elisabeth Rauchenberger als erste Frau mit dem Gleitschirm Eiger (3970 Meter über Meer) und Mönch (4099). Sie machte keine Fotos, da sie es vorzog, die Hände nicht von den Leinen zu lassen. Die berühmteste Nordwand der Alpen unter sich zu haben, tausend Meter Abgrund, sei «ein unbeschreibliches Erlebnis, aber halt auch ein mulmiges Gefühl».
Der drohende Absturz. Wenn der ganz gewöhnliche Arbeitsplatz im ganz gewöhnlichen Büro plötzlich weg ist. Viele Angestellte haben dies in jüngster Zeit erlebt – gerade auch im krisengeplagten Tourismus. Der Branche, der Rauchenberger einst entfloh.
Copyright © by schwerelos. Alle Rechte vorbehalten.
Publiziert am: 2003-10-15 (2752 x gelesen)
[ Zurück ]